3D-Formerfassung und CAD-Abgleich von Medizinteilen: Erstbemusterung, Reverse Engineering und Freiformflächen

Medizinteile werden zunehmend organisch geformt. Spritzgussgehäuse mit gerundeten Übergängen, anatomisch angepasste Implantate, Instrumentengriffe und Freiformkanäle in Dosiersystemen lassen sich nicht mehr vollständig mit einem Merkmalskatalog aus Durchmessern und Abständen beschreiben. Wer die Maßhaltigkeit dennoch nachweisen muss, stößt mit Messschiebern und punktweise antastenden Koordinatenmessgeräten schnell an grundsätzliche Grenzen, denn beide erfassen nur einzelne Punkte, keine Flächen.

Dieser Beitrag richtet sich an Qualitäts- und Entwicklungsverantwortliche in der Medizin und Pharmafertigung, die Freiformteile prüfen, erstbemustern oder ohne vorhandene Zeichnung rekonstruieren müssen. Er erläutert, warum taktile Verfahren an Freiformflächen scheitern, wie eine ganzheitliche 3D Erfassung Soll Ist und Ist Ist Vergleiche ermöglicht, wie sich aus einer Einzelprobe STL und CAD Daten gewinnen lassen und wie Sie zwischen One Shot 3D Messung und 3D Scan die geeignete Technik wählen.

Wichtige Punkte im Überblick

  • Freiformige und organisch geformte Medizinteile lassen sich taktil nicht sinnvoll erfassen, weil punktweise Antastung keine durchgängige Fläche liefert und der Kontaktdruck weiche oder dünnwandige Teile verformt.
  • Optische 3D-Systeme erfassen die gesamte Oberfläche berührungslos und stellen die Abweichung als auditfeste Farbkarte dar, gegen die CAD-Sollgeometrie oder gegen ein freigegebenes Referenzmuster.
  • Bei der Erstbemusterung und im Wareneingang liefert die Flächenerfassung ein vollständiges, reproduzierbares Protokoll, das sich pro Bauteil, Charge oder Werkzeugstand rückverfolgbar ablegen lässt.
  • Reverse Engineering überführt ein vorhandenes Muster ohne Zeichnung in einen STL-Datensatz, der als Basis für Konstruktion, Werkzeugbau und 3D-Druck dient.
  • Die Technikwahl richtet sich nach der Aufgabe: One-Shot-3D-Messung für schnelle Flächen- und Ebenheitsmessung im Labor, 3D-Scan für 360°-Erfassung größerer und rundum zu prüfender Teile.

Warum Freiformflächen an taktilen Messmitteln scheitern

Ein taktiles Koordinatenmessgerät eignet sich gut für prismatische Teile mit klar definierten Merkmalen. Bei gebogenen und frei geformten Flächen kehrt sich dieser Vorteil jedoch um. Der Taster liefert pro Antastung genau einen Punkt, die Fläche zwischen den Punkten bleibt unbekannt. Um eine Freiform sinnvoll zu beschreiben, wären hunderte oder tausende Antastungen erforderlich, was die Messung unwirtschaftlich langsam macht.

Hinzu kommt die Empfindlichkeit vieler Medizinteile. Weiche Elastomere, dünnwandige Spritzgussteile und filigrane Instrumente geben unter Antastdruck nach. Das Ergebnis ist dann nicht die Geometrie des Originals, sondern die Geometrie des verformten Teils. In der Praxis berichten Hersteller deshalb häufig, dass für ihre Freiformteile keine praktikable Messmöglichkeit existiert und die Formkontrolle bislang rein visuell oder gar nicht erfolgt.

  • Punktweise Antastung erfasst keine durchgängige Flächeninformation.
  • Kontaktkraft verformt weiche und dünnwandige Bauteile.
  • Programmerstellung für komplexe Freiformen ist am taktilen System aufwendig.
  • Ohne Zeichnung fehlt dem taktilen Verfahren die Referenz für den Soll/Ist-Vergleich.

Ganzheitliche 3D-Erfassung: Soll/Ist-Vergleich, IST-IST-Vergleich und Farbkarten-Abweichung

Optische 3D Systeme erfassen nicht einzelne Punkte, sondern die gesamte Oberfläche als dichte Punktwolke oder als Flächenmodell. Damit wird ein Vergleich möglich, der bei taktiler Antastung scheitert: Die gemessene Istgeometrie wird über die CAD Sollgeometrie gelegt und Abweichungen erscheinen als Farbkarte über das gesamte Bauteil. Grüne Bereiche liegen im Toleranzband, rote und blaue Bereiche zeigen Übermaß beziehungsweise Untermaß. Diese Darstellung ist nicht nur anschaulich, sie lässt sich auch revisionssicher ablegen und ist für Lieferanten wie Kunden sofort verständlich.

Liegt keine CAD Sollgeometrie vor, ersetzt ein Ist Ist Vergleich die Zeichnung: Ein freigegebenes Erst- oder Referenzmuster dient als Basis, gegen die die laufende Produktion geprüft wird. So lässt sich eine schleichende Formänderung über die Serie erkennen, ohne dass ein komplettes Zeichnungsmodell existiert. Ein häufiger Beschaffungsgrund in dokumentierten Anwendungen ist weniger die reine Messgenauigkeit als die Geschwindigkeit der Programmerstellung. Wer viele Bauteilvarianten führt, braucht ein System, mit dem sich neue Prüfprogramme in kurzer Zeit anlegen lassen.

Erstbemusterung und Wareneingang: 3D-Prüfung dokumentiert und wiederholbar

Die Erstbemusterung ist der Moment, in dem ein Medizinteilhersteller die Maßhaltigkeit formell nachweist, bevor die Serie startet. Bei Freiformteilen ist dieser Nachweis mit klassischen Mitteln schwer zu führen. Ein 3D Messsystem liefert ein vollständiges Protokoll: Farbkarten mit Abweichungen über die gesamte Fläche und die geforderten Einzelmaße an den definierten Merkmalen. Das Ergebnis ist reproduzierbar und lässt sich pro Bauteil, Charge oder Werkzeugstand archivieren.

Auch im Wareneingang zahlt sich die Flächenerfassung aus. Komplexe Zukaufteile lassen sich prüfen, ohne den Messraum zu belasten und ohne dass ein Spezialist jedes Merkmal einzeln anfahren muss. Für regulierte Anwendungen gelten durchgängig Rückverfolgbarkeit und Auditfähigkeit als Grundanforderung. Ein 3D System, dessen Ergebnisse automatisch dokumentiert und eindeutig einem Teil zugeordnet werden, erfüllt diese Erwartung von vornherein, während handschriftlich übertragene Werte sie strukturell verfehlen.

Reverse Engineering: von der Einzelprobe zu STL- und CAD-Daten

Ein häufiger Fall in der Medizintechnik ist ein vorhandenes physisches Muster ohne Zeichnung. Das kann ein Altteil, ein handgefertigter Prototyp oder ein Bauteil eines Zulieferers sein, der die Fertigung eingestellt hat. Beim Reverse Engineering wird dieses Muster in digitale Daten überführt. Das 3D System erfasst die Geometrie und exportiert sie als STL Datensatz, der als Grundlage für Konstruktion, Werkzeugbau oder 3D Druck dient.

Die Verbindung zum 3D Druck ist besonders sinnvoll, weil sich Einzelstücke und Kleinserien so ohne Werkzeug herstellen lassen. Aus der Einzelprobe entsteht per Scan ein druckbarer Datensatz und aus dem Druck bei Bedarf wieder ein Prüfteil für den nächsten Soll Ist Vergleich. Ergänzend erfassen 3D Systeme in dokumentierten Anwendungen auch das Volumen kleiner Bauteile, etwa wenn Füllmengen oder Materialeinsatz bestimmt werden sollen. Entscheidend ist, dass die erreichbare Genauigkeit der Rekonstruktion vom jeweiligen Teil abhängt und am realen Muster verifiziert wird, bevor daraus eine Serie entsteht.

Sensorwahl: 3D-Profilometer (VR-6000) vs. 3D-Scanner (VL-800) vs. bildbasierte Multisensorik

Für die 3D-Formerfassung von Medizinteilen stehen verschiedene Ansätze zur Verfügung, die sich in Handhabung, Erfassungsprinzip und Einsatzbereich unterscheiden.

  • Modellreihe VR-6000: Das 3D-Profilometer erfasst die Oberfläche eines aufgelegten Teils ohne Antastung und ohne aufwendiges Einrichten. Es eignet sich für schnelle Flächen-, Kontur- und Ebenheitsmessungen im Labor und für den Soll/Ist-Vergleich, wenn das Teil auf den Messtisch passt und von oben gut erfassbar ist.
  • Modellreihe VL-800: Der 3D-Scanner ist die Wahl, wenn eine 360°-Erfassung gefordert ist, etwa bei rotationskomplexen Teilen, bei größeren Bauteilen oder wenn ein vollständiges Rundum-Modell für Reverse Engineering und Volumenbestimmung entstehen soll.
  • Bildbasierte Multisensorik: Systeme, die Kamera, Laser-Höhenmessung und einen taktilen Taster kombinieren (etwa in der Umgebung der Modellreihe IM-X), sind sinnvoll, wenn neben der Flächenform zusätzlich hochgenaue Einzelmaße und Höhen an definierten Merkmalen gefordert sind.

Welche Technik passt, entscheidet sich an Teilegröße, geforderter Auflösung, der Frage nach Rundum- oder Einseiterfassung und daran, ob Flächenform oder präzises Einzelmaß im Vordergrund steht. In der Praxis werden diese Systeme nicht selten kombiniert, weil dieselbe Produktfamilie unterschiedliche Prüfaufgaben mit sich bringt.

Auflösung, Wiederholbarkeit und Machbarkeit am realen Medizinteil absichern

So überzeugend die Farbkarte in der Präsentation wirkt, die belastbare Aussage entsteht erst am eigenen Teil. Kleine, stark glänzende oder transparente Medizinteile sind für optische Verfahren anspruchsvoll, weil sie das Messlicht spiegeln oder durchlassen. Deshalb gehört die Prüfung der erreichbaren Auflösung am konkreten Werkstoff an den Anfang jeder Auslegung, nicht ans Ende.

Ebenso wichtig ist die Wiederholbarkeit. Viele Anwender lassen sie im Vorführtermin live nachweisen, indem dasselbe Teil mehrfach gemessen und die Streuung der Ergebnisse betrachtet wird. Wo eine Messmittelfähigkeit gefordert ist, wird dieser Nachweis mit Wiederhol- und Vergleichsmessungen vor der Vergabe geführt. Nehmen Sie dabei nicht nur das eindeutig gute Teil, sondern gezielt Grenzmuster in den Machbarkeitstest auf, denn erst an ihnen zeigt sich, ob das System die relevante Abweichung sicher erkennt. So wird aus der Anforderung "Freiformteil dimensionell prüfen" ein kalkulierbarer, dokumentierter Prüfschritt mit belegter Machbarkeit.

Häufige Fragen

F Warum kann ich Freiformflächen nicht einfach mit dem Koordinatenmessgerät messen?

A

Ein taktiles Koordinatenmessgerät erfasst pro Antastung einen einzelnen Punkt, während eine Freiformfläche eine durchgängige Flächeninformation erfordert. Um die Form sinnvoll zu beschreiben, wären sehr viele Antastungen nötig, was die Messung langsam macht. An weichen oder dünnwandigen Medizinteilen kommt hinzu, dass der Antastdruck das Teil verformt. Optische 3D-Systeme erfassen die gesamte Oberfläche berührungslos und lösen dieses Problem.

F Was ist der Unterschied zwischen Soll/Ist-Vergleich und IST-IST-Vergleich?

A

Beim Soll/Ist-Vergleich wird die gemessene Geometrie gegen die CAD-Sollgeometrie gelegt und die Abweichung als Farbkarte dargestellt. Der IST-IST-Vergleich verwendet stattdessen ein freigegebenes Referenz- oder Erstmuster als Vergleichsbasis, wenn kein CAD-Modell vorliegt. Beide Verfahren zeigen Abweichungen über dem ganzen Bauteil und eignen sich für die laufende Qualitätssicherung.

F Kann ich aus einem Medizinteil ohne Zeichnung ein CAD-Modell gewinnen?

A

Ja, das ist der Kern des Reverse Engineering. Das 3D-System erfasst die Geometrie des vorhandenen Musters und exportiert sie als STL-Datensatz, der als Basis für Konstruktion, Werkzeugbau oder 3D-Druck dient. Die erreichbare Genauigkeit hängt vom Teil und vom Verfahren ab und sollte am realen Muster überprüft werden, bevor daraus eine Serie entsteht.

F Wann ist ein 3D-Scanner sinnvoller als ein 3D-Profilometer?

A

Ein 3D-Profilometer der Modellreihe VR-6000 erfasst ein aufgelegtes Teil schnell von oben und eignet sich für Flächen-, Kontur- und Ebenheitsmessungen im Labor. Ein 3D-Scanner der Modellreihe VL-800 ist die bessere Wahl, wenn eine 360°-Erfassung, ein vollständiges Rundum-Modell oder die Vermessung größerer Teile gefordert ist, etwa für Reverse Engineering und Volumenbestimmung.

F Wie sichere ich ab, dass mein Teil messbar ist?

A

Verifizieren Sie die Machbarkeit am realen Teil, bevor Sie spezifizieren. Prüfen Sie die erreichbare Auflösung an kleinen, glänzenden oder transparenten Merkmalen und lassen Sie die Wiederholbarkeit möglichst live nachweisen. Nehmen Sie gezielt Grenzmuster in den Test auf und führen Sie einen geforderten Nachweis der Messmittelfähigkeit vor der Vergabe durch, nicht erst bei der Abnahme.

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