Messen ohne Messraum-Stau: Wann optische Messtechnik das Koordinatenmessgerät in der Zerspanung entlastet
In vielen zerspanenden Betrieben läuft die gesamte Maßprüfung durch ein einziges Nadelöhr: ein taktiles Koordinatenmessgerät (KMG) im klimatisierten Messraum, bedient von einer einzigen Fachkraft, die die Messprogramme kennt. Solange Teilespektrum und Stückzahlen klein bleiben, funktioniert das. Doch sobald die Fertigung wächst, die Stichprobenkontrolle dichter werden soll oder der erfahrene Messtechniker in Rente geht, wird aus dem Messraum ein Stau.
Dieser Beitrag zeigt anhand wiederkehrender Anwendungsmuster aus der Praxis, wann optische Messtechnik das KMG sinnvoll entlastet oder ersetzt, und wo das taktile Messen weiterhin seine Berechtigung hat.
Wichtige Punkte im Überblick
- Der Messraum-Stau ist kein Gerätefehler, sondern ein Strukturproblem: Ein einziges taktiles Koordinatenmessgerät und ein einziger Experte werden zum Engpass der wachsenden Fertigung.
- Für Dreh- und Frästeile mit Toleranzen von 0,01 bis 0,05 mm misst das bildverarbeitende Messsystem der Modellreihe IM-X Dutzende Merkmale gleichzeitig in Sekunden statt Minuten.
- Dank automatischem Programmaufruf und Lagekompensation führen auch Maschinenbediener und Auszubildende die Stichprobenkontrolle werkerunabhängig durch.
- Große Frästeile bis etwa 2 m tasten Sie mit dem Hand-Koordinatenmessgerät der Modellreihe XM direkt an der Werkzeugmaschine an, bevor die Aufspannung verloren geht.
- Für engste Toleranzen im Mikrometerbereich und Erstbemusterungen bleibt das taktile Koordinatenmessgerät erste Wahl, ergänzt um den 3D-Scanner für Freiformflächen und CAD-Abgleich.
Warum der Messraum zum Engpass wird
Das Grundproblem ist selten das Messgerät selbst, sondern die Organisation darum herum:
- Eine Maschine, ein Experte. Das KMG kann nur eine Person programmieren und bedienen. Fällt sie aus (Urlaub, Krankheit, Renteneintritt), steht die Maßprüfung. Der Fachkräftemangel verschärft das: Nachwuchs für klassische Messtechnik ist kaum zu finden.
- Lange Messzeiten. Ein Werkstück mit vielen Antastpunkten bindet das KMG schnell 10 bis 30 Minuten. Bei produktionsbegleitenden Stichproben aus mehreren Maschinen entsteht eine Warteschlange, und die Fertigung produziert währenddessen weiter, im Zweifel Ausschuss.
- Räumliche Trennung. Der Weg von der Maschine in den Messraum kostet Zeit. Wer für jede Stichprobe die Halle durchqueren muss, misst seltener, als es die Prozessstabilität eigentlich verlangt.
- Anwenderabhängige Handmessung als Notlösung. Messschieber, Bügelmessschraube und Messuhr sind schnell zur Hand, liefern aber anwenderabhängige Ergebnisse ohne Dokumentation. Der Profilprojektor steht oft noch in der Ecke, nur kann ihn niemand mehr bedienen.
Die Folge: Die Qualitätssicherung wird zum Taktgeber der Fertigung, obwohl sie eigentlich deren Absicherung sein sollte.
Was Zerspanungsbetriebe tatsächlich messen
Betrachtet man die typischen Messaufgaben an Dreh- und Frästeilen, zeigt sich ein wiederkehrendes Spektrum:
- Außen- und Innendurchmesser (AD/ID), Längen und Abstände
- Bohrungspositionen und Lochbilder
- Radien und Fasen
- Bezüge zwischen Zylindern und Funktionsflächen
- Höhenversätze und einfache Form- und Lagetoleranzen
Die Werkstücke: Drehteile und Frästeile aus Stahl, Aluminium oder Messing, typischerweise im Bereich von wenigen Millimetern bis etwa 300 mm, in Losgrößen von Kleinserien bis zu einigen Tausend Stück. Die geforderte Genauigkeit liegt meist im Bereich von 0,01 bis 0,05 mm. Entscheidend ist: Für den Großteil dieser Merkmale wird die volle Leistungsfähigkeit eines taktilen KMG gar nicht benötigt, wohl aber seine Wiederholbarkeit und Dokumentation. Genau in diese Lücke zielt die optische Messtechnik.
Sekunden statt Minuten: Bildverarbeitende Messtechnik für Dreh- und Frästeile
Ein bildverarbeitendes Messgerät wie die Modellreihe IM-X von KEYENCE erfasst ein Werkstück im Durchlichtverfahren als Ganzes. Das Teil wird auf den Messtisch gelegt, per Knopfdruck werden Dutzende Merkmale (Durchmesser, Abstände, Radien, Winkel) gleichzeitig gemessen. Was am KMG oder mit Handmessmitteln viele Minuten dauert, ist in Sekunden erledigt.
Werkerunabhängigkeit statt Expertenwissen
Das Gerät ruft das Messprogramm auf und kompensiert die Ausrichtung des aufgelegten Teils automatisch. Damit können Maschinenbediener und Auszubildende die Stichprobenkontrolle selbst durchführen, direkt an der Linie, ohne den Messtechniker zu binden. Die Ergebnisse sind nicht mehr anwenderabhängig; ob erfahrener Prüfer oder Einsteiger, das Messergebnis ist dasselbe.
Rotationseinheit für Drehteile
Mit einer Rotationseinheit lassen sich zylindrische Werkstücke über den Umfang erfassen, relevant für typische Drehteilmerkmale wie umlaufende Nuten, Einstiche oder Bezüge zwischen mehreren Zylinderabschnitten.
Automatische Messberichte
Jede Messung erzeugt auf Wunsch einen Messbericht mit allen Merkmalen, Toleranzbewertungen und Trends. Ein Lohnfertiger beispielsweise, dessen Kunden dokumentierte Stichproben verlangen, erzeugt diese Nachweise damit im Prüftakt, statt sie am Ende der Schicht im Messraum nachzuarbeiten. Für engere Toleranzen und zusätzliche Höhenmessungen per Taster steht mit der Modellreihe LM-X eine hochgenaue Ausbaustufe desselben Bedienkonzepts zur Verfügung.
Messen an der Maschine: Mobile Koordinatenmesstechnik für große Teile
Nicht jedes Werkstück passt auf einen Messtisch, und nicht jedes Teil sollte für eine Messung abgespannt werden. Für Frästeile und Vorrichtungen bis etwa 2 m bietet ein Hand-KMG wie die Modellreihe XM einen anderen Weg: Der Bediener tastet die Merkmale mit einem handgeführten Taster direkt an, auch auf der Werkzeugmaschine, bevor das Teil abgespannt wird.
Das adressiert ein Muster, das in der Praxis immer wieder auftritt: Ein Zerspanungsbetrieb will prüfen, ob eine Nacharbeit nötig ist, bevor das Teil von der Maschine kommt. Muss es erst in den Messraum, ist die Aufspannung verloren, und mit ihr die Referenz für die Korrektur. Die Messung an der Maschine schließt genau diese Lücke, mit einer Bedienung, die keine KMG-Programmierkenntnisse voraussetzt, und mit automatischer Protokollierung inklusive Form- und Lagetoleranzen.
Wo das taktile KMG weiterhin gewinnt, und wie optische Systeme es ergänzen
Optische Messtechnik ersetzt das KMG nicht in jeder Disziplin. Ein realistisches Bild:
- Engste Toleranzen und höchste Antastgenauigkeit an Funktionsmaßen bleiben die Domäne des taktilen KMG, insbesondere wenn Messunsicherheiten im einstelligen Mikrometerbereich nachzuweisen sind.
- Erstbemusterungen und vollständige Prüfpläne mit sehr vielen Bezugssystemen sind auf dem KMG etabliert, hier lohnt der Umbau selten.
- Freiformflächen und vollflächiger Soll-Ist-Vergleich dagegen sind strukturell keine Stärke des taktilen Messens: Ein Taster erfasst Punkte, keine Flächen. Für den CAD-Abgleich, Form- und Lagetoleranzen nach GD&T bzw. ISO GPS an komplexen Geometrien und das Reverse Engineering von Altwerkzeugen ergänzt ein 3D-Scanner wie die Modellreihe VL das vorhandene KMG, statt mit ihm zu konkurrieren.
Die in der Praxis erfolgreichste Konstellation ist deshalb meist keine Ablösung, sondern eine Entlastung der Messmaschinen: Die schnellen, häufigen, werkerunabhängigen Prüfungen wandern in die Fertigung; das KMG konzentriert sich auf das, was nur das KMG kann. Ein Automobilzulieferer etwa kann die produktionsbegleitende Stichprobenkontrolle vollständig an die Linie verlagern und den Messraum für Erstbemusterung und Schiedsmessungen freihalten.
Checkliste: Welches System passt zu welchem Teilespektrum?
- Kleine bis mittelgroße Dreh- und Frästeile, viele Merkmale, hohe Prüffrequenz, Bedienung durch Werker: bildverarbeitende Messtechnik (Modellreihe IM-X, mit Rotationseinheit für Drehteile).
- Engere Toleranzen, zusätzliche Höhen- und Tastermessungen am selben Platz: hochgenaue Bildvermessung (Modellreihe LM-X).
- Große Teile bis ca. 2 m, Messung an der Maschine oder in der Vorrichtung, Form- und Lagetoleranzen: Hand-KMG (Modellreihe XM).
- Freiformflächen, CAD-Abgleich, Reverse Engineering, GD&T an komplexen Teilen: 3D-Scanner (Modellreihe VL) als Ergänzung zum vorhandenen KMG.
Entscheidend für die Auswahl sind vier Fragen: Wie groß ist das Teilespektrum? Welche Toleranzen sind gefordert? Wer soll messen, Messtechniker oder Werker? Und welche Dokumentation verlangen Ihre Kunden?
Fazit
Der Messraum-Stau ist kein Gerätefehler, sondern ein Strukturproblem: zu viele Prüfungen für zu wenige Experten an zu wenigen Maschinen. Optische Messtechnik löst dieses Problem dort, wo es entsteht, in der Fertigung, mit Messzeiten im Sekundenbereich, werkerunabhängigen Ergebnissen und automatischer Dokumentation. Das taktile KMG behält seine Rolle für höchste Genauigkeitsanforderungen; alles andere darf schneller, näher an der Maschine und von jedem gemessen werden.
Häufige Fragen
F Kann optische Messtechnik ein taktiles Koordinatenmessgerät ersetzen?
A
In vielen Fällen ja, aber nicht in allen. Für die schnelle, produktionsbegleitende Prüfung von Durchmessern, Abständen, Bohrungspositionen, Radien und Fasen an Dreh- und Frästeilen ist bildverarbeitende Messtechnik meist die schnellere und werkerunabhängige Lösung. Für engste Toleranzen im einstelligen Mikrometerbereich und etablierte Erstbemusterungsprüfpläne bleibt das taktile KMG das Referenzgerät. Die beste Strategie ist in der Regel die Entlastung: Routineprüfungen in die Fertigung verlagern, das KMG für Spezialaufgaben freihalten.
F Unser Messtechniker geht in Rente, wie sichern wir die Maßprüfung ohne Experten?
A
Setzen Sie auf Systeme, die Messprogramme automatisch aufrufen und die Teileausrichtung selbst kompensieren. Bei bildverarbeitenden Messgeräten wie der Modellreihe IM-X legt der Maschinenbediener das Teil einfach auf und startet die Messung per Knopfdruck, Vorkenntnisse in der Messtechnik sind nicht erforderlich. So bleibt das Erfahrungswissen im Messprogramm gespeichert, statt mit einer Person das Haus zu verlassen.
F Wie genau ist ein optisches Messgerät im Vergleich zum KMG?
A
Für typische Zerspanungsaufgaben liegen die geforderten Genauigkeiten meist zwischen 0,01 und 0,05 mm, ein Bereich, den bildverarbeitende Messgeräte zuverlässig und wiederholbar abdecken. Hochgenaue Ausbaustufen wie die Modellreihe LM-X erweitern den Einsatzbereich zu engeren Toleranzen. Für Nachweise im einstelligen Mikrometerbereich bleibt das taktile KMG die erste Wahl.
F Können Drehteile mit umlaufenden Merkmalen optisch gemessen werden?
A
Ja. Mit einer Rotationseinheit erfasst ein bildverarbeitendes Messgerät zylindrische Werkstücke über den gesamten Umfang. Damit lassen sich umlaufende Nuten, Einstiche, Durchmesser an mehreren Zylinderabschnitten und deren Bezüge zueinander in einem Messablauf prüfen, in Sekunden statt in Minuten.
F Wie messen wir große Frästeile, die nicht in den Messraum passen?
A
Für Werkstücke bis etwa 2 m eignet sich ein Hand-KMG wie die Modellreihe XM: Der Bediener tastet die Merkmale mit einem handgeführten Taster direkt am Teil an, auch auf der Werkzeugmaschine, ohne das Teil abzuspannen. Für sehr große Schweißbaugruppen und den Einsatz vor Ort stehen mobile Großraum-Systeme wie die Modellreihe WM zur Verfügung.
F Erstellen optische Messgeräte automatisch Messberichte für unsere Kunden?
A
Ja. Jede Messung kann automatisch als Messbericht mit allen geprüften Merkmalen, Toleranzbewertungen und statistischen Auswertungen dokumentiert werden. Das ersetzt handschriftliche Prüfprotokolle, reduziert Übertragungsfehler und liefert belastbare Nachweise für Kundenaudits und die Reklamationsabwehr.
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