Positionskorrektur mit Bildverarbeitung: Lage und Ausrichtung an Roboter und Achse übergeben

In der Automatisierung entscheidet oft ein einziger Wert über den gesamten Prozess: Wo genau liegt das Bauteil, und wie ist es gedreht? Sobald ein Roboter greifen, ein Laser beschriften oder eine Achse fügen soll, muss die Anlage die tatsächliche Lage kennen und die Abweichung zur Sollposition ausgleichen. In den Projekten von Maschinen- und Anlagenbauern taucht diese Aufgabe in immer neuen Varianten auf, von der groben Behälterposition bis zur Steckerpaarung im Hundertstelbereich. Dieser Leitfaden zeigt, wie Bildverarbeitung Lage, Drehlage und Position erfasst und als Koordinate oder als Korrekturwert an Roboter und Achse übergibt. Der reine Griff in die ungeordnete Kiste bleibt dabei außen vor, hierzu finden Sie einen eigenen Beitrag. Im Mittelpunkt steht hier die Positionierung und Ausrichtung als Messgröße.

Wichtige Punkte im Überblick

  • Lage und Drehlage werden zum eigentlichen Prüfmerkmal, sobald ein Roboter greifen, ein Laser beschriften oder eine Achse fügen soll und die Anlage die Abweichung zur Sollposition ausgleichen muss.
  • Die grobe Zuführung erzwingt die Lageerfassung: liefert die Fördertechnik in dokumentierten Projekten ein Bauteil mit etwa ±4,5 mm an, während das Fügen ±1,0 mm verlangt, kollidiert der Greifer oder das Teil wird schief gefügt.
  • Vor der Technikauswahl steht die Frage nach der richtigen Messgröße: 2D-Lage in der Ebene, vollständige 3D-Pose bei kippenden Teilen oder der Drehwinkel bei rotationssymmetrischen Bauteilen.
  • Für die Übergabe gibt es zwei Wege: die direkte Koordinatenausgabe der absoluten Lage und die Nullpunktverschiebung, die nur die Abweichung eines Referenzmerkmals als Korrekturwert weitergibt.
  • Die geforderte Genauigkeit reicht in dokumentierten Projekten von etwa ±5 mm bis ±0,05 mm und sollte aus der Toleranz des Folgeprozesses und der gesamten Kette aus Kamera, Kalibrierung, Roboter und Greifer abgeleitet werden.

Warum Lage und Ausrichtung zu einem eigenen Prüfmerkmal werden

Viele Anlagen scheitern nicht an der Bearbeitung selbst, sondern an der Frage davor: Sitzt das Teil genau dort, wo der nächste Schritt es erwartet? Die Fördertechnik liefert ein Bauteil oft nur mit einer Toleranz von mehreren Millimetern an, während der Roboterprozess an dieser Stelle deutlich enger arbeiten muss. Ein typisches Beispiel aus der Praxis: Werkstückträger, Fördertechnik und Roboter summieren ihre Einzeltoleranzen auf etwa ±4,5 mm, gefordert für das anschließende Fügen sind aber ±1,0 mm. Ohne Lageerfassung kollidiert der Greifer oder das Bauteil wird schief gefügt.

Die Auslöser für ein solches Projekt sind über die Branchen hinweg erstaunlich ähnlich:

  • Die Zuführung ist zu grob für den Folgeprozess, etwa beim Greifen, Fügen, Beschriften oder Bohren.
  • Es gab eine Reklamation, weil eine Markierung versetzt aufgebracht oder ein Bauteil verdreht verbaut wurde.
  • Eine starre Zentrierstation ist zu unflexibel geworden, sobald neue Varianten dazukommen.
  • Runde Teile laufen in undefinierter Drehlage an und müssen erst ausgerichtet werden.

Allen gemeinsam ist: Gesucht wird kein reines Gut-Schlecht-Signal, sondern ein Wert mit Richtung. Position in X und Y, oft die Höhe in Z, ein Drehwinkel oder eine Kanten- und Mittenlage. Genau dieser Wert wird zum eigentlichen Prüfmerkmal.

Position, Drehlage, 3D-Pose: welche Größe der Prozess wirklich braucht

Bevor Sie Technik auswählen, lohnt die Frage, welche Lageinformation der Prozess tatsächlich benötigt. In der Projektpraxis lassen sich drei Fälle unterscheiden.

Bei vielen Aufgaben genügt die Lage in der Ebene. Das Teil liegt flach auf einem Band, in einem Nest oder auf einem Tray, und das System bestimmt seine Position in X und Y sowie den Drehwinkel. Diese zweidimensionale Lage reicht überall dort, wo die Höhe konstant ist und das Teil nicht kippt.

Sobald Bauteile jedoch verkippen, unterschiedlich hoch liegen oder in beliebiger Raumlage präsentiert werden, kommt die Höhe hinzu, und es wird die vollständige 3D-Pose benötigt, also Position und Orientierung im Raum. Das gilt zum Beispiel für schwere Gussteile, für Karosserieteile auf einem fahrerlosen Transportsystem oder für Behälter, die in Z verkippen.

Ein eigener Fall sind rotationssymmetrische Teile. Bei Wellen, Kolben oder Ringen zählt weniger die Position als der Drehwinkel oder die Phase. Hier besteht die Aufgabe darin, das Teil in eine definierte Winkellage zu bringen oder den Winkel an die Steuerung zu melden. Dieser Fall wird in einem eigenen Beitrag vertieft.

Die ehrliche Einordnung in einen dieser Fälle entscheidet über Sensorik und Kosten. Wer eine 2D-Lage spezifiziert, wo eigentlich 3D nötig wäre, baut ein System, das im Labor funktioniert und in der Serie an verkippten Teilen scheitert.

Vom Messwert zum Korrekturwert: Koordinatenausgabe und Nullpunktverschiebung

Der entscheidende Schritt ist die Übergabe. Grundsätzlich gibt es zwei Wege, und sie werden in der Praxis regelmäßig verwechselt.

Der erste Weg ist die direkte Koordinatenausgabe. Das Bildverarbeitungssystem erkennt das Teil und übergibt dessen absolute Position und Drehlage an den Roboter, der daraufhin den Greifpunkt anfährt. Das ist der klassische Weg beim Aufnehmen vereinzelter oder teilgeordneter Teile.

Der zweite Weg ist die Nullpunktverschiebung, und sie ist für diese Anwendungen oft der elegantere Ansatz. Statt die absolute Lage zu übergeben, misst das System ein Referenzmerkmal am Bauteil, etwa eine Bohrung, eine Kante oder eine Markierung, und berechnet nur die Abweichung von der Sollposition. Diese Abweichung wird als Korrekturwert an den Roboter oder die Achse übergeben. Der Folgeprozess läuft dann in seinem gewohnten Programm ab, korrigiert lediglich um den gemessenen Versatz. So lässt sich beispielsweise die reale Lage einer Referenzbohrung erfassen und die Differenz zum theoretischen Wert als Verschiebung des Nullpunkts weitergeben. Der Roboter fügt, verschraubt oder beschriftet anschließend exakt an der richtigen Stelle, obwohl das Bauteil grob zugeführt wurde.

Ein weiterer Praxispunkt: Nicht immer soll der Wert an den Roboter gehen. Einige Betreiber wünschen die Kommunikation ausdrücklich über die SPS und nicht über die Robotersteuerung. Ob Position, Drehlage oder Korrekturwert und ob Empfänger Roboter, Achse oder SPS ist, sollte deshalb früh im Lastenheft festgehalten werden.

Genauigkeit realistisch festlegen

Die geforderte Genauigkeit reicht in diesen Projekten über drei Größenordnungen. Am unteren Ende stehen grobe Aufgaben wie das Positionieren großer Behälter oder Ladungsträger mit etwa ±5 mm. Im mittleren Bereich liegen die häufigen Handlingaufgaben mit ±2 mm bis ±0,2 mm, etwa das Platzieren von Platten oder das Zuführen von Steckern. Am oberen Ende steht das feine Paaren von Steckverbindern mit ±0,05 mm.

Diese Spanne hat unmittelbare Folgen für die Auslegung. Genauigkeit und Bildfeld hängen direkt zusammen: Ein großes Bildfeld über einer ganzen Platine erlaubt keine beliebig feine Auflösung. Wer sehr genau positionieren will, braucht entweder ein kleineres Bildfeld, eine höher auflösende Kamera oder ein zweites, fein auflösendes System für den kritischen Bereich.

Wichtig ist außerdem, die gesamte Genauigkeitskette zu betrachten und nicht nur den Sensor. Kamera, Kalibrierung, Wiederholgenauigkeit des Roboters und der Greifer wirken zusammen. Die Vorgabe „so genau wie möglich" ist deshalb keine brauchbare Spezifikation. Besser ist ein klarer Zielwert, abgeleitet aus der Toleranz des Folgeprozesses, denn nur so lässt sich die Kette sinnvoll auslegen.

Schnittstellen und Kalibrierung

Damit der gemessene Wert ankommt, muss die Anbindung passen. Im deutschen Maschinenbau ist Profinet der Standard, daneben sind EtherNet/IP, TCP/IP und digitale I/Os gebräuchlich, in der Bahnware auch Feldbusse wie Powerlink. Für die Übergabe von Koordinaten oder Korrekturwerten reichen diese Schnittstellen in aller Regel aus.

Zwei Punkte entscheiden in der Praxis über den Erfolg:

  • Direkte Roboteranbindung, wenn die SPS keine freie Schnittstelle hat. In Nachrüstprojekten ist der Feldbus der Bestandsanlage oft ausgereizt. Eine direkte Verbindung zwischen Bildverarbeitung und Robotersteuerung vermeidet dann Eingriffe in die Bestands-SPS. Die Anbindung ist markenunabhängig ausgelegt, sodass Sie den Roboter frei wählen können.
  • Saubere Kalibrierung der Koordinatensysteme. Die Hand-Auge-Kalibrierung zwischen Kamera und Roboter bestimmt, wie genau der übergebene Wert am Ende umgesetzt wird. Sie sollte werkzeuggestützt und wiederholbar ablaufen und nicht von einer Handmessung abhängen.

Für Maschinenbauer, die selbst integrieren, ist zudem entscheidend, wie viel Programmierung nötig ist. Systeme, deren Einrichtung ohne tiefe Bildverarbeitungskenntnisse gelingt, senken die Hürde für die Eigenintegration und für spätere Variantenerweiterungen spürbar.

Machbarkeit mit Testmustern absichern

Kaum ein Positionierprojekt sollte ohne Machbarkeitsnachweis beauftragt werden. Der bewährte Ablauf ist überschaubar.

Zuerst stellen Sie reale Testmuster bereit, und zwar in allen Varianten und im realen Zustand, also gegebenenfalls ölig, glänzend, in wechselnden Farben oder mit den tatsächlichen Oberflächen. Gerade bei der Lageerkennung entscheiden Reflexionen und Kontraste über die Stabilität, weshalb ein i.O.-Teil unter Laborlicht wenig aussagt.

Anschließend prüfen Sie unter realen Bedingungen, ob die geforderte Genauigkeit erreicht wird, ob alle Varianten sicher erkannt werden und ob die Taktzeit hält. Erst dann fließen die Ergebnisse in die Auslegung ein: Sensorposition, Arbeitsabstand, Bildfeld, Referenzmerkmal und erwartete Zykluszeit gehören ins Lastenheft.

Zuletzt sollte vor der Bestellung feststehen, wer die Inbetriebnahme übernimmt. Ob Eigenintegration durch den Maschinenbauer, Unterstützung durch einen Applikationsingenieur oder Umsetzung durch einen externen Integrator, die Schnittstellen und Verantwortlichkeiten sollten geklärt sein. So vermeiden Sie die klassische Falle, dass ein System im Muster funktioniert, aber an Variantenvielfalt oder Taktzeit der Serie scheitert.

Fazit

Positionierung und Ausrichtung sind planbar, wenn Sie die richtige Größe messen und den passenden Weg der Übergabe wählen. Klären Sie zuerst, ob der Prozess 2D-Lage, 3D-Pose oder einen Drehwinkel braucht. Entscheiden Sie dann bewusst zwischen direkter Koordinatenausgabe und Nullpunktverschiebung. Leiten Sie die Genauigkeit aus der Toleranz des Folgeprozesses ab und betrachten Sie die gesamte Kette. Mit markenunabhängiger Anbindung über Profinet oder eine direkte Roboterverbindung bleiben Sie in der Wahl von Roboter und Achse frei, und ein Machbarkeitstest mit Originalteilen macht aus einer Vermutung eine belastbare Auslegung.

Häufige Fragen

F Wie übergibt eine Kamera die Position an den Roboter?

A

Das Bildverarbeitungssystem erkennt das Bauteil, bestimmt Position und Drehlage und sendet diese Werte über eine Schnittstelle wie Profinet, EtherNet/IP oder TCP/IP an die Steuerung. Der Roboter fährt daraufhin den berechneten Greif- oder Bearbeitungspunkt an. Voraussetzung ist eine saubere Kalibrierung zwischen Kamera- und Roboterkoordinatensystem, damit der übergebene Wert exakt umgesetzt wird..

F Was ist eine Nullpunktverschiebung in der Bildverarbeitung?

A

Bei der Nullpunktverschiebung übergibt das System nicht die absolute Lage, sondern nur die Abweichung eines Referenzmerkmals von seiner Sollposition. Der Folgeprozess läuft in seinem gewohnten Programm ab und wird lediglich um diesen Korrekturwert verschoben. Das ist besonders sinnvoll, wenn ein Bauteil grob zugeführt wird, der Prozess aber genau treffen muss.

F Welche Genauigkeit ist bei der Positionierung realistisch?

A

Die Anforderungen reichen von etwa ±5 mm bei großen Behältern und Ladungsträgern über ±2 mm bis ±0,2 mm bei typischen Handlingaufgaben bis hinunter zu ±0,05 mm beim feinen Paaren von Steckverbindern. Welche Genauigkeit erreichbar ist, hängt vom Bildfeld, von der Auflösung und von der gesamten Kette aus Kamera, Kalibrierung, Roboter und Greifer ab und sollte im Machbarkeitstest verifiziert werden.

F Wann brauche ich 3D statt 2D für die Lageerkennung?

A

Eine 2D-Lage in X, Y und Drehwinkel genügt, wenn Teile flach und in konstanter Höhe liegen, etwa in Trays oder auf einem Förderband. Sobald Bauteile verkippen, unterschiedlich hoch liegen oder in beliebiger Raumlage präsentiert werden, wird die vollständige 3D-Pose benötigt. Ein Laser-Profilsensor oder eine 3D-Roboterführung liefert dann zusätzlich die Höhe und die räumliche Orientierung.

F Funktioniert die Positionsausgabe mit jeder Robotermarke?

A

Ja, sofern das Bildverarbeitungssystem markenunabhängig ausgelegt ist. Die Position, die Drehlage oder der Korrekturwert werden über gängige Schnittstellen wie Profinet, EtherNet/IP oder TCP/IP an die Steuerung übergeben, unabhängig davon, welchen 6-Achs-Roboter oder SCARA Sie einsetzen. Wenn die vorhandene SPS keine freie Schnittstelle hat, ist auch eine direkte Verbindung zur Robotersteuerung möglich.

F Wie unterscheidet sich Positionierung vom Griff in die Kiste?

A

Beim Griff in die Kiste liegen Teile völlig ungeordnet übereinander, und die Herausforderung besteht in der kollisionsfreien Entnahme aus dem Chaos. Bei der Positionierung und Ausrichtung liegen die Teile dagegen vereinzelt, in Nestern oder auf Bändern, und im Mittelpunkt steht die genaue Ausgabe von Position und Drehlage an Roboter, Achse oder Folgeprozess. Beide Aufgaben nutzen Bildverarbeitung, unterscheiden sich aber deutlich in Sensorik und Auslegung.

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