Messen im eigenen Haus oder im externen Labor? Entscheidungskriterien
Ob ein Unternehmen Messaufgaben im eigenen Haus durchführt oder an ein externes Labor vergibt, ist keine Entweder-oder-Frage, sondern eine Frage der richtigen Aufteilung. Als Faustregel gilt: Messungen, die Prozessentscheidungen im Tages- oder Stundentakt steuern, gehören ins eigene Haus; Referenzmessungen, Kalibrierungen und selten benötigte Spezialverfahren bleiben beim externen, idealerweise akkreditierten Labor. Die Entscheidung hängt an fünf Kriterien: Rückmeldegeschwindigkeit, Kosten pro Messung bei wachsendem Volumen, Vertraulichkeit, Flexibilität und dem Bedarf an formaler Akkreditierung. Dieser Artikel geht die Kriterien einzeln durch, zeigt, warum moderne optische Messsysteme die Qualifikationshürde für Inhouse-Messtechnik deutlich gesenkt haben, und beschreibt das Hybridmodell, das sich in der Praxis bewährt hat.
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Wichtige Punkte im Überblick
- Die Frage ist keine Entweder-oder-, sondern eine Aufteilungsfrage: prozessrelevante Messungen inhouse, Referenz extern.
- Wichtigstes Kriterium ist die Rückmeldegeschwindigkeit: Ein Ergebnis nach Tagen kann keinen laufenden Prozess mehr korrigieren.
- Inhouse rechnet sich, sobald die externen Kosten pro Messung mal Jahresvolumen die eigene Ausstattung übersteigen.
- Das externe Labor bleibt richtig für akkreditierte Nachweise, seltene Spezialverfahren und höchste Referenzgenauigkeit.
- Moderne optische Systeme haben die Qualifikationshürde für Inhouse-Messung gesenkt; bewährt ist ein Hybridmodell.
Warum ist die Rückmeldegeschwindigkeit das wichtigste Kriterium?
Die Rückmeldegeschwindigkeit ist das wichtigste Kriterium, weil ein Messergebnis, das erst nach Tagen vorliegt, keinen laufenden Prozess mehr korrigieren kann. Es dokumentiert dann nur noch, was bereits produziert wurde. Wer Messungen extern vergibt, addiert Verpackung, Versand, Warteschlange im Labor und Berichtserstellung zur eigentlichen Messzeit. In dieser Zeit läuft die Fertigung weiter: Ist der Prozess gedriftet, ist bis zum Eintreffen des Berichts unter Umständen die Produktion mehrerer Tage betroffen.
Inhouse-Messtechnik verkürzt diese Schleife auf Minuten. Ein auffälliges Erstmuster, eine Werkzeugkorrektur oder ein Anlauf lässt sich unmittelbar prüfen und nachjustieren. Deshalb lautet die erste Sortierfrage nicht „Was kostet die Messung?”, sondern: „Welche Entscheidung wartet auf dieses Ergebnis und wie teuer ist das Warten?” Je enger das Messergebnis mit einer laufenden Prozessentscheidung verknüpft ist, desto stärker spricht es für das eigene Haus.
Ab wann rechnet sich Inhouse-Messtechnik wirtschaftlich?
Inhouse-Messtechnik rechnet sich, sobald die laufenden Kosten pro externer Messung multipliziert mit dem Jahresvolumen die Abschreibung, Wartung und Personalbindung der eigenen Ausstattung übersteigen. Bei regelmäßigem Messbedarf ist das häufig früher der Fall, als die reine Gerätepreis-Betrachtung vermuten lässt. Externe Messungen skalieren linear: Jede weitere Messung kostet erneut Gebühr, Versand und Wartezeit. Eigene Systeme skalieren degressiv: Nach der Investition sinken die Grenzkosten pro Messung auf Personal- und Betriebskosten.
Rechenbeispiel: Kostet eine externe Messung inklusive Handling 150 Euro und fallen 20 Messungen pro Woche an, ergibt das bei 48 Arbeitswochen rund 144.000 Euro pro Jahr. Dies sind reine Dienstleistungskosten, ohne den Wert der verlorenen Zeit. Dieser Betrag ist die Vergleichsgröße für die Jahreskosten einer eigenen Messeinrichtung samt Bediener-Anteil. In die Rechnung gehören allerdings auch die Inhouse-Nebenkosten: Schulung, Wartung, gegebenenfalls Klimatisierung und die regelmäßige Überwachung der Messmittel.
Nicht bezifferbar, aber real sind zwei weitere Effekte: die Vertraulichkeit (Neuentwicklungen und reklamationskritische Teile verlassen das Haus nicht) und der Kompetenzaufbau, denn wer selbst misst, versteht seine Prozesse und Toleranzen genauer und diskutiert mit Kunden und Lieferanten auf Augenhöhe.
Inhouse-Messung vs. externes Labor im Vergleich
| Kriterium | Inhouse-Messung | Externes Labor |
|---|---|---|
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Rückmeldezeit
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Inhouse-Messung
Minuten bis Stunden
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Externes Labor
Tage bis Wochen (inkl. Versand und Warteschlange)
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Kosten bei hohem Volumen
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Inhouse-Messung
Degressiv; Grenzkosten sinken
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Externes Labor
Linear; jede Messung kostet erneut
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Kosten bei seltenem Bedarf
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Inhouse-Messung
Investition amortisiert sich schlecht
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Externes Labor
Wirtschaftlich; keine Fixkosten
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Vertraulichkeit
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Inhouse-Messung
Teile und Daten bleiben im Haus
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Externes Labor
Geheimhaltung vertraglich zu regeln
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Flexibilität
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Inhouse-Messung
Sofortige Wiederholungs- und Zusatzmessungen
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Externes Labor
Jede Änderung ist ein neuer Auftrag
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Akkreditierte Ergebnisse
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Inhouse-Messung
Nur mit eigenem, akkreditiertem Labor
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Externes Labor
DAkkS-akkreditierte Labore liefern anerkannte Nachweise
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Spezialverfahren (z. B. CT, Werkstoffanalytik)
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Inhouse-Messung
Nur bei ausreichender Auslastung sinnvoll
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Externes Labor
Zugriff auf Spezialausstattung ohne Investition
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Kompetenzaufbau
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Inhouse-Messung
Messwissen wächst im eigenen Team
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Externes Labor
Wissen bleibt beim Dienstleister
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Wann bleibt das externe Labor die richtige Wahl?
Das externe Labor bleibt die richtige Wahl, wenn formal anerkannte Nachweise, seltene Spezialverfahren oder höchste Referenzgenauigkeit gefragt sind. Konkret:
- Akkreditierte Nachweise: Wenn Kunden, Behörden oder Schiedsfälle Ergebnisse eines nach ISO/IEC 17025 akkreditierten Labors verlangen (in Deutschland über die DAkkS als nationale Akkreditierungsstelle), ersetzt interne Messtechnik diesen Nachweis nicht, unabhängig davon, wie gut sie misst.
- Kalibrierung: Die Rückführung der eigenen Messmittel auf nationale Normale erfolgt sinnvollerweise über akkreditierte Kalibrierlabore. Das eigene Haus misst produktiv; das Labor stellt sicher, dass diese Messungen rückführbar bleiben.
- Seltene Spezialverfahren: Computertomographie, Rauheits-Referenzmessungen, Werkstoffanalytik oder Erstbemusterungen exotischer Merkmale rechtfertigen selten eigene Investitionen, wenn sie nur wenige Male pro Jahr anfallen.
- Schiedsfunktion: Bei strittigen Ergebnissen zwischen Kunde und Lieferant liefert ein unabhängiges, akkreditiertes Labor die neutrale Instanz, die interne Messungen prinzipiell nicht sein können.
Hat die Qualifikationshürde früher gegen Inhouse gesprochen und gilt das noch?
Ja, die Qualifikationshürde war lange das stärkste Argument gegen eigene Messtechnik, moderne optische Systeme haben sie jedoch deutlich gesenkt. Klassische Koordinatenmesstechnik erfordert ausgebildete Messtechniker für Programmierung, Aufspannung und Auswertung; dieses Personal ist knapp, und Fehlbedienung wirkt sich direkt auf die Ergebnisse aus.
Bei modernen optischen Messsystemen und Bildverarbeitungssystemen ist ein großer Teil dieser Komplexität in das System verlagert: Teile werden mit geringem Ausrichtaufwand platziert, Messprogramme laufen automatisiert ab und die Bedienerabhängigkeit der Ergebnisse sinkt. Ein Werker in der Fertigung kann Serienmessungen durchführen, die früher der Messraum übernehmen musste. Damit verschiebt sich die Wirtschaftlichkeitsgrenze: Aufgaben, die früher mangels Personal extern vergeben wurden, sind heute inhouse realistisch. Voraussetzung bleibt eine saubere Einführung, Messsystemanalyse (MSA/GR&R), definierte Prüfanweisungen und die Rückführung über regelmäßige Kalibrierung.
Wie sieht das bewährte Hybridmodell aus?
Das bewährte Hybridmodell lautet: Routinemessungen mit Prozessbezug inhouse, Referenz- und Kalibrieraufgaben extern beim akkreditierten Labor. In der Praxis heißt das:
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1.Inhouse: Serienbegleitende Messungen, Erstmuster im Tagesgeschäft, Werkzeugkorrekturen, Anlaufunterstützung, Reklamations-Schnellanalysen, alles, was schnelle Rückmeldung braucht und regelmäßig anfällt.
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2.Extern: Kalibrierung der eigenen Messmittel, akkreditierte Nachweise für Kunden und Behörden, Schiedsmessungen, seltene Spezialverfahren.
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3.Verbindung beider Welten: Referenzteile, die extern präzise vermessen wurden, dienen intern als Kontrollnormale; regelmäßige Vergleichsmessungen sichern ab, dass die Inhouse-Systeme im Rahmen ihrer Aufgabe richtig messen.
So genutzt, konkurrieren die beiden Wege nicht. Sie stützen sich gegenseitig: Das externe Labor sichert die Rückführbarkeit, die eigene Messtechnik liefert die Geschwindigkeit für den Fertigungsalltag.
Häufig gestellte Fragen
F Brauche ich für interne Messungen eine Akkreditierung?
A
Nein, für interne Prozess- und Qualitätsentscheidungen ist keine Akkreditierung erforderlich. Entscheidend sind ein fähiges Messsystem (nachgewiesen etwa über MSA/GR&R) und kalibrierte, rückgeführte Messmittel. Eine Akkreditierung nach ISO/IEC 17025 wird erst relevant, wenn Sie Messergebnisse als formal anerkannte Nachweise gegenüber Dritten verwenden wollen.
F Was bedeutet DAkkS-akkreditiert?
A
Die DAkkS (Deutsche Akkreditierungsstelle) ist die nationale Akkreditierungsstelle Deutschlands; sie bestätigt, dass ein Labor die Anforderungen der ISO/IEC 17025 an Kompetenz und Qualitätssicherung erfüllt. Ergebnisse eines DAkkS-akkreditierten Labors werden von Kunden und Behörden als unabhängiger, belastbarer Nachweis anerkannt. Für Kalibrierungen und Schiedsmessungen ist das der übliche Standard.
F Ab welchem Messvolumen lohnt sich eigene Messtechnik?
A
Eine pauschale Stückzahl gibt es nicht. Vergleichen Sie die Jahreskosten der externen Vergabe (Gebühren, Versand, interner Handlingaufwand) mit Abschreibung, Wartung und Personalanteil einer eigenen Lösung, und bewerten Sie zusätzlich die Kosten der Wartezeit. In der Praxis kippt die Rechnung oft schon bei regelmäßigem wöchentlichem Messbedarf zugunsten der Inhouse-Lösung, insbesondere wenn Messergebnisse laufende Prozesse steuern.
F Kann ein Werker ohne Messtechnik-Ausbildung zuverlässig messen?
A
Mit modernen optischen Messsystemen in vielen Fällen ja, weil Ausrichtung, Messablauf und Auswertung weitgehend automatisiert sind und die Bedienerabhängigkeit entsprechend gering ist. Voraussetzung sind ein einmalig sauber erstelltes Messprogramm, eine Messsystemanalyse am Einsatzort und klare Prüfanweisungen. Für das Erstellen neuer Programme und die Bewertung schwieriger Merkmale bleibt messtechnische Kompetenz im Haus sinnvoll.
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